Donnerstag, 18. Juni 2026 Tag 8

Baro 1017, bedeckt, neblig, später sonnig, Wind S um 4 Beaufort, die See 1 m, Etmal 167 sm

Heute Morgen hat sich mal wieder eine Taube auf dem Bugkorb niedergelassen, ein kleines Tier, und sie plustert sich auf, denn hier ist es wirklich noch kalt. Und der Wind, der mit 12-15 Knoten weht, macht es für den weit gereisten Vogel nicht einfacher. Als Volker nach vorne geht, fliegt sie doch lieber weg, es war eine Ringeltaube, die sind Menschen nicht so gewöhnt wie die Brieftaube, die uns so lange begleitet hat.

Halb zehn zeigt sich tatsächlich ein bisschen blauer Himmel, die Sonne hat den Nebel aufgelöst. Inzwischen scheinen wir langsam wieder in der Zivilisation anzukommen, auf dem AIS sind sieben Schiffe gleichzeitig zu sehen. Es werden immer mehr Schiffe, die um uns herum auf den verschiedensten Kursen fahren, und es macht mir viel Spaß, im AIS zu schauen, wie sie heißen, wie groß sie sind, und wohin sie fahren. Ein General Cargo Segler ist dabei, die „Artemis“ fährt unter französischer Flagge, sie möchte am 7. Juli in Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe sein

Noch mehr Schiffe um uns herum

Das gibt es für uns sozusagen als Vorgeschmack auf den Englischen Kanal, damit wir uns darauf vorbereiten können, immer auf der Hut zu sein vor Schiffen, die unseren Weg kreuzen. Von russischen Militärbooten werden wir uns jedenfalls fern halten.

Mit dem neuen Wetterbericht diskutieren wir erneut die richtige Strategie: Wo fahren wir an Ouessant vorbei? Zwischen der Insel und dem Festland? Oder doch lieber außen herum? Weiter hoch zur englischen Küste? Oder doch lieber an der französischen bleiben?

Im Moment fahren wir auf einen Punkt westlich von Ouessant zu, dort werden wir heute Nacht sein, dann sehen wir weiter, wie wir durch den Englischen Kanal segeln wollen.

Veröffentlicht unter Leben an Bord, Logbuch | Kommentar hinterlassen

Mittwoch 17. Juni 2026 Tag 7

Baro 1018, komplett bedeckt, in der Nacht hat es geregnet, Wind SW4-6 Beaufort,
die See 1-2 m, Etmal um 08:45 Uhr 173 sm

Um 07:00 Uhr steht wieder der Gennaker, in der Nacht sind wir mit Genua gesegelt, so konnte Volker auch ein bisschen schlafen. Mit dem Gennaker muss man so aufmerksam segeln, das ist sehr anstrengend in der Nacht. Und das kleinere Segel hat uns auch gut voran gebracht. Der Gennaker bleibt den ganzen Tag stehen und zieht uns brav bei dem achterlichen Wind Richtung Englischer Kanal.

Seit heute Morgen ganz früh haben wir eine „2“ am Anfang der dreistelligen Zahl stehen auf der Anzeige der noch zu segelnden Meilen bis zu dem Kap vor Brest. Von da aus sind es „nur“ noch 355 sm bis Nieuwpoort, wo wir eine Pause machen wollen, um unsere Freunde Ria und Jan zu treffen. 

Beim Studium der Wetterberichte überlegen wir immer wieder, ob wir dem Routing von den meisten Modellen bei PredictWind folgen sollen, denn diese Kurse machen einen  deutlichen Umweg nach Norden, offensichtlich um den etwas stärkeren Wind zu fangen, oder ob wir doch lieber bei unserer bis jetzt erfolgreichen Strategie bleiben, möglichst nahe an der Ideallinie zu fahren. 

Die Modelle werden morgens und abends aktualisiert, anschließend verbringe ich viel Zeit mit der Suche nach der besten Taktik, besonders weil die verschiedenen Modelle sich eigentlich nie einig sind. Für die nächsten paar Stunden ist es meist  ein halbwegs annehmbarer Konsens, aber schon am nächsten Tag gibt es Divergenzen, und das potenziert sich, je weiter die Vorhersagen in der Zukunft liegen.

Heute morgen kam in allen Modellen plötzlich raus, dass ab Samstag in der Nacht zum Sonntag im Englischen Kanal Nordöstlicher Wind herrschen soll. Das wäre aber die gänzlich falsche Richtung für uns. Deshalb wollen wir uns jetzt beeilen, sodass wir nicht später dort eintreffen werden, wir sind also „On the run“!


Ab 16:00 Uhr fahren wir unter Motor ohne Vorsegel, der Wind hat wieder ungünstig gedreht, und wir müssen ein bisschen weiter nördlich fahren, damit wir den Anschluss an den Wind nicht verpassen.

Wir sind ganz allein auf dem weiten Meer. Nur ab und zu zeigt sich auf dem Plotter ein AIS-Signal eines anderen Schiffes, bisher sind das meistens Tanker oder Frachter, die in ferne Teile der Erde fahren, ein paar nach Brasilien. Aber tatsächlich gesehen habe ich nur einen in Natura. 

In den letzten Tagen zeigten sich ja  ab und an ein paar Sonnenstrahlen, oder auch ein schöner Sonnenaufgang. Heute bekommen wir nix Buntes, rundherum ist alles grau. Es sind nicht fünfzig, sondern eher „Two Shades of Grey“.

Veröffentlicht unter Leben an Bord, Logbuch | 1 Kommentar

Gebannt

folgt die Capitania dem von Outremer organisierten Webinar, das sich in den nächsten acht Wochen immer dienstags verschiedene Situationen „Was ist, wenn“? beschäftigt. Ladies only. Heute hieß es: „Was ist wenn die Vorsegelrollanlage nicht funktioniert?“ Selbst gravierende Probleme werden von Nikki Hendersson, der erfahrenen Katskipperin, angesprochen. Man stelle sich vor die Reffleine von der Rollanlage reißt oder das Fall der Genua  bricht und das Segel rauscht nach unten. Dann heißt es schnell und zielgerichtet zu handeln, um weitere Schäden durch das schlagende Segel am Boot oder noch schlimmer, Verletzungen der Crew zu vermeiden. 

Über solche Szenarien kann man meiner Meinung nach im Vorfeld garnicht oft genug nachdenken, denn es werden ganz sicher unerwarteteSituationen auf See  eintreten, man weiß nur nicht wann und was passiert. Ist man mental gut vorbereitet, kann man adäquat und zielorientiert handeln, dann verliert auch so eine prekäre Situation hoffentlich recht schnell ihren Schrecken.

Letzte Nacht haben wir in bewährter Manier den Gennaker nach Einbruch der Dunkelheit geborgen und sind die ganze Nacht nur mit dem Großsegel unterwegs gewesen. Der Wind kam auch ziemlich genau von hinten und da fährt der Kat ja sowieso nicht so flott.

Mal wieder ein Sonenaufgang

Heute früh um sechs Uhr haben wir gehalst, um ein bisschen nach Norden zu halten, mit gesetztem Gennaker, aber das war dann doch die falsche Richtung, weil die Wellen quer zum Schiff liefen und wir so richtig durchgeschüttelt wurden. Nach zwei Stunden zeigte der Bug dann wieder nach Nordosten und Rauschefahrt war angesagt. Der Topspeed lag bei 13,5 Knoten!

Im Laufe des Tages zogen Böenfelder durch, und gerade als die Capitania einen Mittagsschlaf machte, frischte der Wind auf 22 Knoten auf. Zuviel für das große bunte Segel. Schluss mit Schlafen hieß es für Cornelia und ab auf Manöverstation, in dem Fall an die Schotwinsch. Es dauerte eine Weile, bis der Gennaker weggedreht war, soviel Druck war im Segel. Um diesen Druck zu reduzieren, haben wir beide Motoren auf volle Fahrt voraus gestellt, damit der Wind von hinten weniger Druck im Segel erzeugt. Da der Wind ein bisschen mehr von der Seite kam, konnten wir gleich, nachdem alles aufgeklart war, die Genua ausrollen.

Mit der Segelkonstellation sind wir noch jetzt unterwegs. Die Welle ist zwei Meter hoch, darauf sitzt  nochmal ein kräftige Windwelle, es geht also ab, wie man so schön sagt. Es sind jetzt noch 700 Seemeilen bis Nieuwpoort, respektive 360 Seemeilen bis zum Eingang des englischen Kanals. 

Heute ist der 6. Tag auf See, der Luftdruck stabil und unverändert 1015, es war sonnig mit einzelnen Wolkenfeldern.

Gestern Abend gab es dick geschnittenen panierten Bacon mit Kartoffelpüree, heute backt die Capitania Salamipizza.

Morgen müssen wir uns entscheiden, ob wir noch einen kleinen Schlenker nach Norden machen, um mehr Wind zu haben, oder ob wir weiter auf direktem Kurs zum Wegepunkt bleiben. Vielleicht schauen wir nachher, zur Abwechslung, mal einen Film in der Mediathek.

Mehr gibt es für heute nicht zu berichten. Wir melden uns morgen wieder.

Veröffentlicht unter Leben an Bord, Logbuch | 1 Kommentar

So …

was ist jetzt?, fragt die Capitania am Nachmittag ein bisschen gereizt. Schreibst du jetzt Blog oder soll ich schreiben? Das ist kein Einstieg in eine weitere Unterhaltung, sondern eine Aufforderung, die keinen weiteren Redebedarf erfordert. Paarkommunikation, mit wenigen Worten viel bewegen, man kennt sich, man versteht sich. Man weiß, was der andere von einem will. Nicht immer herzlich, aber sehr effektiv.  Und schon sitze ich an der Tastatur …

Heute ist der fünfte Tag auf dem Weg nach Norden, und bisher war, bzw. ist diese Reise von der Durchschnittsgeschwindigkeit her unsere langsamste Reise. Magere 5,7 Knoten Durchschnitt, das ist schon langsam für uns und erst recht für eine Outremer, doch die bisherigen ruhigen Tage mit wenig Wind spiegeln sich in diesem Zwischenstand wider. Mehr war bisher nicht drin und wir haben fleißig von den Leichtwindsegeln Gebrauch gemacht. Vom Code Zero zum Code D gewechselt, gehalst und getrimmt, immer auf der Suche nach den besten Windwinkeln. Doch das ist jetzt vorbei, denn es soll in den nächsten Tagen auffrischen. Noch steht der Gennaker, aber schon morgen wird er in der Backskiste bleiben müssen. Böen bis 25 Knoten aus Südwest sind angesagt. Nichts dramatisches, aber zu viel Wind für das bunte Leichtwindsegel. 

Heute haben wir wieder viel Zeit mit der Wetterplanung verbracht und Stand jetzt sieht es so aus, als ob wir im englischen Kanal nahe an England vorbei segeln sollten, statt auf der französischen Seite. Das hat Vorteile, weil dort der Wind stabiler wehen soll, sowohl in Stärke als auch in Richtung. Der Nachtteil sind aber der viele Verkehr, die stärkeren Gezeitenströme und die vielen Fischerbojen mit ihren tückischen Leinen. Doch noch ist das Zukunftsmusik, und wir müssen abwarten, welche Melodie die Götter des Windes spielen werden. 

Gestern Abend haben wir dank Elon, das WM-Spiel Deutschland gegen Curaçao anschauen können, und ich muss sagen, das hat uns echt viel Freude bereitet. Eine offensive, passgenaue Spielweise. Schöne Unterhaltung an Bord, so kann die Fußball Weltmeisterschaft weitergehen.

Nur die Zubereitung des Abendessens war durch den frühen Spielbeginn ein bisschen hektisch. Aber dank mexikanischer Küche, es gab gefüllte Fajitas mit Hackfleisch, Mais, Tomaten, Karotten, Lauch, Guacuemole, Knoblauchpaste, etc. konnten wir doch einiges vor dem Spiel, bzw. in der Pause vorbereiten.

Ab Mitternacht ging der Wind komplett weg, Gennaker und Großsegel kamen nach unten. Und so eine segelfreie Nacht mit langsam drehenden Motor sorgt für ein ausgewogenes Schlafmanagement. Anders halt, als wenn Segel getrimmt, gerefft oder gewechselt werden müssen. Entsprechend erholt und motiviert waren wir heute früh, und mit dem einsetzenden Südwestwind ging erst das Großsegel am Carbonmast empor, abermals gefolgt vom Gennaker.

Wenn es was zu meckern gibt, dann sind es die Temperaturen, mit 16-18 Grad ist es für uns recht frisch. Aber das warme Sommerwetter ist auf dem Weg, noch dreimal schlafen. So, wie es jetzt aussieht und berechnet ist, sind es noch sechs Tage zu segeln bis zu unserem Zwischenstopp in Belgien.

Cornelia hat noch ein kleines Video vom Setzen unseres Gennakers gemacht:

Und wer uns auf der Seekarte folgen möchte, das kann das über diesen Link anschauen:

https://www.predictwind.com/tracking/syHexe?mapMode=useAtlas&windSymbol=Barb&weatherSource=ECMWF&trackDuration=0&visibleTrackDuration=90&t=1781401527&symbol=WindStreamlines&routing=false

Veröffentlicht unter Leben an Bord, Logbuch | Kommentar hinterlassen

Experimentierfreudig

Heute gibt es Tag 3, 13. Juni, und Tag 4, 14. Juni, in einer Zusammenfassung, denn ich habe mal die Tastatur von der Capitania in die Hand gedrückt bekommen und nutze hiermit gerne  die Zeit, um ein paar Zeilen zu schreiben. Denn Zeit hat man auf einer langen Segelreise ausreichend. 

Kochen, Segel trimmen, aufräumen und spülen, sowie mal eine kleine Reparatur hört sich nach ausreichend Beschäftigung an. Trotzdem gibt es viele Momente, in denen man schon nach Arbeit oder Abwechslung an Bord suchen muss, wenn einem danach ist. 

Ein Punkt kam bei dem gestrigen Schwachwindtag jedoch nicht zu kurz, das war der Segelwechsel und der Segeltrimm. Denn der leichte Wind kam fast genau von hinten, doch es wäre viel zu schade gewesen, den ganzen Tag den Motor laufen zu lassen. So haben wir am Morgen vom Code Zero auf den Gennaker gewechselt. Nach dem Studium der Wetterberichte haben wir dann beschlossen, auf das empfohlene Wetterrouting Modell zu pfeifen und den vorgeschlagenen Umweg von gut 180 Seemeilen nicht zu segeln. Alle Modelle wollte uns weit nach Norden schicken. 

Zurück zum Gennaker, der wurde dann flugs ausgerollt, stand jedoch mit dem achterlichen Wind sehr abgedeckt im Windschatten von dem Großsegel. Frei nach dem Motto „Jugend experimentiert“ haben wir überlegt, wie wir um den symmetrischen Spinnaker, den wir nicht so gerne setzen, herumkommen können, und lieber den Gennaker so einstellen können, dass er das Boot voranbringt. 

Ein halbe Stunde später, unter dem Einsatz einiger Hilfsleinen, ist uns dies gut gelungen. Wir haben den kompletten Gennaker, mitsamt seiner Rollanlage, über den Stand-up-Block am Bug zum Luvrumpf gezogen. Diese Zugleine haben wir zur Winsch an der Mastbasis umgelenkt. So weit in Luv stehend konnten wir mit dem quietschbunten Segel bis zu einem Windeinfallswinkel, von 165º praktisch fast vorm Wind segeln. Bei 9 Knoten Windgeschwindigkeit lief die Hexe gute fünfeinhalb Knoten, und bei 10-11 Knoten Wind sogar mit über sechs Knoten Speed. Wir waren begeistert. 

Abends ging der Wind komplett weg. Es folgte eine nächtliche Motorfahrt mit viel Schlaf für mich, es gab ja nix zu trimmen. Gut erholt und gut gelaunt bekamen wir heute früh ein tolles Schauspiel der Natur geboten. Ich habe einen Schwarm Seevögel beobachtet, die in engem Radius und niedriger Höhe über der Wasseroberfläche kreisten. Dann bewegte sich das Wasser und wie mit einem Antrieb heraus katapultiert sprangen Delfine wie wild umher. Nicht so spielerisch wie sonst, die Aktion wirkte gezielt und einstudiert. Schnell war klar, dass die Unterwasserfreunde auf der Jagd sind. Ich habe mir sofort das Handy geschnappt, die Fotofunktion aktiviert und einfach drauf gehalten. Und so sind diese Schnappschüsse geglückt. Bald danach kamen noch drei Delfine zum Boot und spielten ein bisschen am Bug. Glücksgefühle pur!

Kurz darauf fing der Wind wieder an zu blasen. Nach einiger Überlegung kam der Code D, also der Gennaker erneut zum Einsatz. Das bunte Segel, der Wind und der günstige Windwinkel versetzten die Hexe in Rauschefahrt und für mich wurden noch mehr Glückshormone ausgeschüttet. Seitdem zeigt die Logge immer wieder zweistellige Geschwindigkeitswerte an und die verbliebenden Seemeilen schrumpfen (endlich?) schneller. Der Code D will halt immer gut getrimmt sein und das nimmt mich den ganzen Tag in Anspruch. So vergeht die Zeit fast wie im Flug. Noch ca. 700 Seemeilen bis Brest.

Lustig, heute früh haben wir unsere Kurslinie vom 25. Mai 2025 gekreuzt, als wir ebenfalls auf dem Weg zu englischen Kanal waren. Also haben wir mehr als zwei Wochen Verspätung.

Zum Abendessen gab es gestern in Weißwein, Früchten und Gemüse geschmorte Hühnerkeulen mit Curryreis.

Der Wind soll in den nächsten Tagen mit 9-12 Knoten aus West bis Südwest durchstehen. Es gibt eine ca. ein Meter hohe, sehr gemütliche atlantische Dünung aus West, fast keine Windsee. 

Ganz traurig  macht mich der viel zu frühe Tod des französischen Segelhelden Charlie Dalin. Für mich ist er der beste Regattasegler der Neuzeit, der den letzten Rekord bei der Vendée Globe mal ganz locker um zehn Tage verbessert hat, damit war er nahezu uneinholbar für die Imoca-Konkurrenz. Ein echt super sympathischer Ausnahmesegler, der zudem Vorbild für viele Nachwuchs Imoca 60 Segler war. RIP and sail in heaven!

Veröffentlicht unter Leben an Bord, Logbuch | Kommentar hinterlassen

Freitag, 12. Juni 2026, nach Brest Tag 2

Baro 1022, wolkig, später sonnig, Wind SO um 3 Beaufort, die See 1 m, Etmal  bis 08:40 = 132,3 sm

Der Sonnenaufgang kurz nach sechs Uhr ist wunderschön, eine rot glühende Sonne taucht aus dem Atlantik auf. Sofort fühlt alles sich wärmer an. Wenn es richtig hell ist, kann auch die Dreifarbenlaterne kann ausgeschaltet werden, ebenso das Radar und die kleine rote Lampe am Kartentisch. Die Displays werden vom abgedunkelten Nachtmodus auf Tageshelligkeit umgestellt. Abwechselnd schlafen wir noch ein bisschen, die Nächte hier an Bord sind doch eher kurz.

Wir segeln mit Genua, Kurs um 35º, Speed ca. 5 Knoten. Um halb acht wird auf den Code Zero gewechselt, das macht einen guten Knoten mehr Geschwindigkeit aus. Bis hierher sind wir insgesamt 15 Stunden unter Motor gefahren, das ist viel für zwei Tage unterwegs. 

Aber seitdem segeln wir mit dem Code Zero, bei leichtem Wind zwischen sechs und acht Knoten und 120º zum Wind. Das ist wunderschön, überhaupt ist heute eigentlich Feiertagssegeln, das Meer ist ruhig, es gibt nur eine atlantische Dünung, es ist leise im Schiff, total entspannend.

Der Code Zero ist ein Laminatsegel aus Kevlar und Mylarfoile mit Taffetta beschichtet, das ist ein  glänzender knitterarmer Stoff.  Dieses Segel ist größer als die Genua, aber der Stoff ist schwerer als zum Beispiel das dünne Polyamid oder Polyester des Spinnakers. Es schließt sozusagen die Lücke zwischen Genua und den großen Leichtwindsegeln wie Gennaker und Spinnaker.

Doch am Abend muss das goldene Segel weg, es ist kein Wind mehr, aber ein wunderschöner Sonnenuntergang. So motoren wir durch die Nacht.

Veröffentlicht unter Leben an Bord, Logbuch | Kommentar hinterlassen

Donnerstag, 11. Juni 2026, nach Brest Tag 1

Baro 1025, wolkig, Wind aus 130º 8-1 Knoten, die See um 1 m

Nach Studium der Wetterberichte gehen wir um 08:40 Azorenzeit Ankerauf und nehmen Kurs auf Brest, 1.085 Seemeilen direkter Weg liegen mindestens vor uns, denn direkten Kurs werden wir bei den herrschenden Windverhältnissen nicht segeln können.

Der Leuchtturm an der Ponta do Castelo

Das Großsegel wird gleich gesetzt, ab der Ponta do Castelo, der südöstlichsten Ecke von Portugal, wäre 53º der Idealkurs Richtung Brest, wir fahren eher ein bisschen nördlicher, weil dort ab morgen mittag mehr Wind sein soll. Bisher ist er hier eher variabel, bis nach 12 Uhr gar kein Wind mehr, unter Motor konnten wir in Ruhe draußen frühstücken.

Unter Motorfahrt hatten wir damit begonnen, ein loses Band an dem Lazy Bag wieder anzunähen, das ist der Sack, in den das Großsegel beim Bergen fällt. Dazu müssen wir oben auf das Dach über dem Cockpit, als plötzlich der Wind auffrischt. Und es war doch sowieso schon ein nerviges Unterfangen, weil die Nähnadel durch dickes festes Material durchgeschoben und mit der Zange auf der anderen Seite herausgezogen werden musste. Drei Nadeln haben wir dabei geköpft, dann war der Wind so aufgefrischt, dass der Faden erst einmal vernäht werden musste, und die Genua konnte ausgerollt werden.

Klar, dann fängt die Hexe an zu joggen, wunderbar. Das hält aber leider nicht lange an, der Wind wird schwächer. Volker holt den Code Zero raus und bereitet alles vor zum Ausrollen, als 13 Knoten Wind kommen, und wir lieber mit der Genua fahren. Dann aber hatte Äolus, der Gott des Windes, genug gestöhnt, und der Motor muss mitarbeiten bei drei bis acht Knoten Wind. So geht das den ganzen Tag. Erst wird die  Genua ausgerollt, dann endlich der Code Zero, der bleibt stehen bis 23 Uhr. Durch die Nacht wird mit Motor gefahren, es ist zu wenig Wind.

Mittags fahren wir in gebührender Entfernung an den Islas Formigas vorbei. Auf der Seekarte sehen die auch wirklich wie Ameisen, Formigas, aus. Es sind unbewohnte Felsen, die aus dem Meer aufragen. Sie sollen ein Paradies für Taucher sein, und glücklicherweise steht dort ein Leuchtturm und warnt die Schiffer vor der Gefahr.

Einmal kommen Delfine vorbei und spielen eine Weile um die Rümpfe. Den ganzen Tag haben wir nur einen Frachter gesehen, und beim Vorbeifahren konnten wir auch Sao Miguel, die zu Santa Maria nächstgelegene  Azoreninsel in der Ferne ausmachen.

Für die Nacht bereite ich das Ipad so vor, dass Volker den gespiegelten Bildschirm des Axiom darauf sehen kann. Dann muss er nicht am Kartentisch sitzen, sondern kann bequem auf der Couch rumliegen, den Bildschirm vor Augen und die Fernbedienung in der Hand.

Zum Abendessen gibt es ganz zartes Steak mit einer Unmenge Zwiebeln, die sollen gut gegen Skorbut sein, und Kartoffelbrei. Extrem lecker!

Veröffentlicht unter Leben an Bord, Logbuch | Kommentar hinterlassen

Mittwoch 10. Juni 2026

Praia Formosa, Santa Maria

bisschen weiter rechts ist unsere Ankerbucht

Um  00:43 Azorenzeit, da war es in Deutschland schon 02:43, lag unser Anker im sandigen Grund vor der Praia Formosa, einer großen schönen Bucht von Santa Maria, der kleinsten Azoreninsel. Noch vor dem Schlafengehen schreibt Volker die To-Do-Liste für den nächsten Tag, mit insgesamt fünf Punkten.

Zwei Aufgaben von der Liste waren erledigt, obwohl wir ja erst gegen zwei Uhr im Bett waren, ist Volker früh aufgestanden, und hat mucksmäuschenstill gearbeitet. Bis ich wach geworden bin, war das schon mal fertig:

  1. An dem Reißverschluss des Lazy Bag, das ist sozusagen die Tasche, in die das Großsegel fällt beim Bergen,  fehlte ein Stück Stoff, womit man die zwei Seiten des Reißverschlusses verbindet. Das war schon erledigt. 
  2. Im Steuerbord Motorraum war während der Fahrt immer etwas Diesel ausgelaufen?! Der Spritschlauch war  auf Lanzarote erneuert worden, und die Schlauchschellen waren offensichtlich zu weit, es lief beim Fahren ein bisschen Diesel in die Bilge. Glücklicherweise hatten wir noch passende engere Schlauchschellen und auch die hatte Volker in aller Früh schon ausgetauscht.

Jetzt standen nur noch drei Punkte auf der Liste: 

Am Lazy Bag muss ein loses Band festgenäht werden, das geht nur mit der Hand.

Am Cockpitzelt müssen zwei Klettbänder ausgetauscht werden. Das geht zum Glück mit der Nähmaschine.

Die Opferanode muss erneuert werden. Dazu muss Volker leider unters Boot tauchen. Wäre hier ganz schön, weil das Wasser sehr warm und sehr klar ist.

Aber: Unser Freund Lloyd, der früher in der Marina von Vila do Porto Hafenmeister war, hat Zeit, uns zu treffen zum Schwatzen, und er würde uns freundlicherweise auch zum Supermarkt fahren. Das ist großartig, da fahren wir sofort mit dem Dinghy in die Marina, nehmen große Taschen mit. Schade, im Hafen gab es keinen Platz mehr für uns, da lagen schon zwei Katamarane an den Kopfstegen. Vor zwei Jahren ist im Sturm ein Steg weggebrochen, der liegt leider immer noch unter Wasser. Da fehlen natürlich ein paar Liegeplätze. Aber wir genießen die Ruhe und die schöne Aussicht an unserem Ankerplatz sehr.

Lloyd ist ein echter Lebenskünstler, er arbeitet in einem Autohaus und verkauft Gebrauchtwagen, er macht Bootstouren rund um die Insel mit Touristen, und außerdem baut er sich jetzt ein Haus in einem großen Waldstück, muss Bäume schneiden und Wiesen roden, sensationell. Wir freuen uns schon darauf, nächstes Jahr den Fortschritt bestaunen zu können.

Nach der  Kaffeepause im Hafenrestaurant und der Einkaufsfahrt zum örtlichen Pingo Doce Supermarkt verabschieden wir uns von Lloyd „Bis die Tage“ und kehren auf unsere Hexe zurück.

Heute sind wir nach Norden aufgebrochen, mehr dazu gibt es morgen.

Veröffentlicht unter Leben an Bord, Logbuch | Kommentar hinterlassen

Dienstag, 9. Juni 2026, Tag 3


Auf See, Baro 1028, Wind NO 3-4 Beaufort, die See 1-1,5 m

In den letzten Nachtstunden hat der Wind abgenommen auf 6-7 Knoten und geraumt, dann hat er wieder zugenommen und ist spitzer geworden, aber seit es im Osten hell wird, sind wir wieder bei 13 Knoten und Wind aus Nordost. Außerdem hat es ganz leicht zu regen begonnen, das macht Manöver ziemlich unangenehm, aber Volker freut sich, wenn das Boot ein bisschen entsalzen wird. Es regnet auch nicht mehr lange.

Sie ist kaum zu sehen hinter den dicken Tropfen von den übergekommenen Seen

Um kurz nach sieben Uhr bekommen wir doch tatsächlich mal wieder Besuch: Eine kleine Taube setzt sich aufs Martingall! Hoffentlich  sucht die sich bald einen Weg zurück zu den Azoren, sonst müssen wir wieder aufpassen, dass sie nicht am Tage ins Boot kommt, weil das mit der Toilette nicht so klappt … Aber die Wellen vor dem Bug waren ihr doch zu unangenehm und nach einem Power Nap hat sie uns wieder verlassen.

Um 11:00 Uhr wird ausgerefft auf Reff 1, die Genua steht voll. Bei nunmehr um die 12-15 Knoten Wind segeln wir schnell mit über neun Knoten Fahrt.

Ich habe den halben Tag am Laptop verbracht und mich durch sämtliche Segelwetterberichte gekämpft. Am Laptop und auf dem Handy wurden immer wieder andere Vorhersagen durchgecheckt, dann die wesentlichen Modelle wie GFS, ECMWF und PWE in PredictWind rechnen lassen, in Ventusky nachgesehen, bei Windy die Route geprüft, Volker schaut immer nochmal bei Passage Weather. Fahren wir ohne Stopp direkt weiter nach Norden, oder ist es besser, auf Santa Maria bis Donnerstag Morgen zu warten, weil dann die allgemeine Windrichtung besser passt? Tatsächlich ist es so, dass wir im Vergleich zwischen heute und Donnerstag fast zur gleichen Zeit ankommen sollten. Und wir würden fbeihnahe anderthalb Tage weniger motoren müssen. Na, wenn das keine Argumente sind, weiß ich es auch nicht.

Das kleine grüne Boot ist die Worlddancer

Eben haben wir ein anderes Segelboot überholt, die Worldancer 2, ein Stahlboot unter deutscher Flagge.  Volker hat mit einer weiblichen Stimme über Funk gesprochen, sie wollen auch nach Vila do Porto auf Santa Maria. 

Zum Abendessen gibt es eine Variante der Krautfleckerln, mit kleinen Nudeln statt Kartoffeln, aber das schmeckt auch sehr lecker!

Mit Sonnenuntergang wird der Wind immer schwächer, aber noch können wir segeln, trotz Reff 1 im Großsegel sind wir bei 80º Windeinfallswinkel mit über sieben Knoten Fahrt fast so schnell wie der Wind, der mit acht bis neun Knoten weht.

Es ist eine dunkle Nacht, die schmale Mondsichel wird erst nach zwei Uhr früh aufgehen, vielleicht kommen wir da gerade am Ankerplatz vor Praia Formosa an. Morgen wollen wir dann einen Liegeplatz in der Marina von Vila do Porto finden, und – hoffentlich – am Donnerstag früh weiterfahren Richtung Brest.

Veröffentlicht unter Leben an Bord, Logbuch | 1 Kommentar

Montag, 08. Juni 2026, Tag 2

Auf See, Position um 06:30: 23 43 510 N, 019 41 339 W, um 09:40 Etmal 190 sm
Baro 1027, bedeckt,  Wind seit 05:30 abschwächend von 18 Knoten auf rund 12-15 Knoten, die See ebenfalls von manchmal über 2 m auf rund 1,5 m

Es ist so grau heute Morgen, das wirkt schrecklich aufs Gemüt nach all diesen sonnigen Tagen. So langsam kommt die Bordroutine der Langfahrt auf, Frühstück gibt es am Kartentisch, dann wird immer mal abwechselnd ein Nickerchen auf dem großen Sofa gemacht, nicht vergessen zu trinken. Wetterberichte müssen eingeholt und die Wirklichkeit beobachtet werden, ab und an ist es vorteilhaft, kleine Kurskorrekturen des Autopilots vorzunehmen, damit man das Boot am Laufen hält. Das geschieht direkt durch Eingabe am Plotter oder mittels einer Fernbedienung wie am heimischen Fernseher. So einen Autopilot möchte man ganz sicher nicht mehr missen.

Der Wind lässt nach, wir reffen aus auf Reff 1. Natürlich frischt dann der Wind wieder auf, und wir gehen in Reff 2 zurück. So wird uns wenigstens nicht langweilig.

Leider ist es den ganzen Tag bedeckt, nur einmal schleicht sich für ein paar Minuten die Sonne durch die graue Schicht. Der Wind bleibt so, wie vorhergesagt, weht zwischen 13 und 17 Knoten aus um 30º aus Nordost. Wir kommen gut voran, und meine Seebeine sind auch wieder gewachsen. Jetzt besteige ich nicht mehr das Matterhorn, sondern gehe auf grünen Hügeln spazieren, da war wohl ein bisschen was eingerostet durch die lange Zeit auf Lanzarote :-)))

Ansonsten war der Tag sehr entspannt, die Ruhephasen wurden nur von den Reff-Aktivitäten unterbrochen, all die kleinen Dinge konnten erledigt werden, die auf meinem Laptop als „To Do“ herum schwirrten, Kontoauszüge ablegen, Rechnungen bezahlen (Igitt!), aber auch mal lesen. Heute Nachmittag  hat sich Volker mit einem Schwung auf Sofa geworfen, sehr elegant. Nur leider lag darunter mein Ebook Reader, der hat dem Druck nachgegeben und sein schwarzweißes Leben ausgehaucht. Da muss ich wohl tatsächlich mal konventionell ein richtiges Buch lesen, so mit papiernen Seiten, das ist aber viel unhandlicher …

Wenn es dunkel wird, gibt die Solarlampe ein heimeliges Licht

Zum Abendessen stand heute ein italienischer Abend auf dem Programm: Spaghetti Carbonara (Spliff lässt grüßen), grüner Salat, und Mineralwasser statt Coca Cola.
Um 21:40 Uhr, nach anderthalb Tagen auf See, liegen bereits über 280 Seemeilen in unserem Kielwasser.

Veröffentlicht unter Logbuch | 1 Kommentar