

Freitag, 19. Juni 2026 Tag 9
Baro 1014, schöner Sonnenaufgang im Wolkenspalt am Horizont in 50º,
Wind um 3 Beaufort, die See 1 m
Wer vom großen atlantischen Ozean zurück zu den Niederlanden oder nach Skandinavien will, hat die Qual der Wahl zwischen drei verschiedenen Routen. Wobei für die Nordfranzosen, Südengländer, Belgier und Deutschen zwei dieser alternativen Routen gleich im Vorfeld ausscheiden dürften. Der weiteste Weg führt um Nordschottland herum, über die Nordsee zum jeweiligen Zielland. Ein sehr schöner Weg ist die Reise entlang der englischen Westküste und dann über den kaledonischen Kanal, mitten durch das Herz von Schottland, mit den Highlands und dem berühmten Loch Ness. Bei letzterem waren wie schon, ist lange her, da waren die Kinder noch kleiner, bzw. jünger.

Die meist gewählte Segelroute, der englische Kanal, erstreckt sich von Calais bis Ouessant auf der französischen Seite und zwischen Dover und Falmouth auf der englischen Kanalseite. Die Gesamtlänge beträgt ca. 300 Seemeilen und die schmalste Stelle ist gerade mal 17 nautische Meilen breit.
Wir haben den englischen Kanal in unserer Segelgeschichte einige Mal gequert, und auch diesmal sind wir der französischen Seite treu geblieben. Es ist auch der kürzere Weg, da der Kanal, bildlich gesprochen, eine leicht bananenförmige Biegung macht. Früh gegen 2.30 Uhr began unser jetziger Kanaltransit.
Doch zuerst nochmal ein kleiner Schwenk zurück zum blauen Nordatlantik, der uns bei der Passage von den Azoren bis Ouessant wirklich wohl gesonnen war. Abgesehen von 30 Motorstunden konnten wir die 1.100 Seemeilen lange Distanz segeln. Wobei wir noch nie so viele Stunden mit unserem bunten Gennaker Strecke machen konnten. Gestern und vorgestern stand das bunte Raumschotssegel für über 30 Stunden am Stück. Allein durch die leuchtend bunten Farben, die wir für den Code D ausgewählt haben, strahlt das 212 Quadratmeter große Segel für uns etwas Positives aus und macht uns fröhlich, wenn es unser Boot durchs Wasser zieht.

Fröhlich, da unheimlich lecker, wurden wir auch beim gestrigen Abendessen, mit dem Schweinebraten in dunkler Zwiebel-Bratensauce, mit selbst gemachten Semmelknödeln. Danach ging es in eine kühle Nacht mit 14 Grad und viel Berufsschifffahrt auf dem Wasser. Der Schlaf kam zu kurz, was aber nicht nur am Verkehr lag. Zahlreiche Segelmanöver hielten uns, bei wechselnden Windrichtungen, auf Trab. Da freut sich das Seglerherz, dass die Nächte kurz sind und die Morgendämmerung früh einsetzt, weil einige Situationen bei Tageslicht leichter einzuschätzen sind. Man kann ja an dieser Stelle sagen, dass wir uns in der Jahresphase der kürzesten Nächte befinden , und mit jeder Seemeile, die wir nach Norden kommen, die Zeit der Dunkelheit kürzer wird (leider nur noch bis Sonntag).
Seit wir im Ärmelkanal sind, wechseln sich Phasen unter Motor mit Zeiten unter Segeln ab. Wind und Windrichtung wechseln manchmal im Minutentakt, und kaum ist der Gennaker ausgerollt, geht der Wind komplett weg.
Jedoch bedingt durch Verkehr, die nahe, teilweise sichtbare Küste und den ständigen Funkverkehr fühlt sich der an Einsamkeit auf dem großen Meer gewöhnte Segler wieder zurück in der Zivilisation, und der Bordalltag gestaltet sich abwechslungsreicher.

Auch die Gezeiten entscheiden jetzt in diesem Revier über unser Vorankommen, das sind wir auch nicht mehr gewöhnt. Ziemlich genau sechs Stunden geht die Gezeit mit uns und ebenso fast 6sechs Stunden lang werden wir durch sie verlangsamt. Einen kleinen Vorteil gibt es jedoch in der West-Ost-Richtung. Bedingt durch die Gezeitenverspätung in Richtung Osten läuft der Flutstrom länger mit als gegen uns, und bringt uns einen kleinen Geschwindigkeitsvorteil. Noch 275 nautische Meilen liegen vor uns, zwei Nächte müssen wir in diesem Seestück noch wachen, und so, wie es aussieht, am Sonntag mit Gegenwind kämpfen.
Das war vorher nicht absehbar, sonst hätten wir nicht vor Santa Maria geankert. Das ist einfach kein Glück, von Pech wollen wir bei einer bisher schön verlaufenden Fahrt nicht reden.



































